Werra-Meißner-Tag am 3.10.2017 in Eschwege

Unser Infostand beim Werra-Meißner Tag am 3.10.2017 war gut besucht und es gab einige gute Gespräche. Vielleicht wachen einige Menschen angesichts des Wahlergebnisses der AfD doch auf und leisten gemeinsam mit uns Widerstand gegen den braunen Sumpf!!

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Gemeinsam mit Bunt statt braun Bad Hersfeld am 7.8.2017 in Rotenburg gegen die AfD

Rede von Andreas Heine am 7.8. in Rotenburg

Manche werden uns fragen: „Habt Ihr bei dem schönen Wetter nichts besseres zu tun, als hier gegen die AFD zu protestieren?“

Klar, hätten wir sicher alle was Besseres zu tun.

Aber wir sehen auch eine Verantwortung darin, denen entgegenzutreten, die unser Land noch weiter verändern wollen. Verändern in eine Richtung, die wir nicht akzeptieren können und der wir uns mit aller Macht entgegenstellen.

Ja aber Meuthen und Wild sind doch nicht wie Höcke“, werden vielleicht mache sagen. „Er (Meuthen) hat sich in der AfD um Ausgleich und Geschlossenheit der Partei verdient gemacht und beweist in Auftreten und Positionen jederzeit persönliche Integrität und politische Seriosität.“ Heißt es auf der Homepage der AfD-Hessen.

Ich denke, hier geht’s um Arbeitsteilung: Mit Meuthen, Höcke und Petry lassen sich unterschiedliche Bereiche der Gesellschaft auf spezifische Weise ansprechen: die eher bürgerlichen, die offen Rechtsradikalen, die fundamentalistisch klerikalen, die Stammtisch-Rassisten, usw.. Die AfD wird damit einerseits zum Sammelbecken verschiedener rechter und rassistischer Strömungen. Andererseits ist sie in der Lage mit ihrem Auftreten, mit ihren Forderungen und mit ihren Wahlerfolgen die herrschende Politik vor sich herzutreiben.

AfD-Forderungen von vor 2 Jahren finden sich heute in den Programmen und Wahlkampfreden von CDU-CSU, SPD und anderen wieder. Teilweise wurden ihre Forderungen auch schon durch die große Koalition umgesetzt: Bei der Flüchtlingsabwehr und –Bekämpfung, bei der Einschränkung demokratischer Rechte, bei der Ausweitung polizeistaatlicher Maßnahmen.

De Maiziere, Seehofer und andere sind offenbar gern bereit, AfD-Positionen bereits heute umzusetzen um in populistischer Manier bestimmte Stimmungen in Teilen der Bevölkerung und in ihren Parteien zu bedienen.

Auch wenn die bürgerlichen Parteien zur Zeit (noch) Koalitionen mit der AfD ausschließen, ist die AfD doch mit vielem was sie fordert und gefordert hat höchst erfolgreich, weil sich die herrschende Politik in Berlin nicht konsequent dagegenstellt.

Deshalb stehen wir heute hier: Wir sind diejenigen, die für eine offene und solidarische Gesellschaft und damit für eine zukunftsfähige Gesellschaft eintreten. Wir verteidigen das Grundgesetz und die allgemeinen Menschenrechte, wie sie in der UNO-Charta festgeschrieben sind. Wir verteidigen das, was sich an Willkommenskultur und Solidarität in den letzten Jahren in unserem Land entwickelt hat. Wir stehen auf der Seite von Hunderttausenden Bürgern in unserem Land, die die so genannte Flüchtlingskrise wirklich bewältigt haben – oftmals ohne oder gar gegen Behörden und Bürokraten, oftmals gegen die Stammtischpöbler und immer gegen rechtspopulistische und faschistische geistige und handgreifliche Brandstifter.

Wir fordern die Berliner Politik auf, sich auf unsere Seite zu stellen: Verteidigung von Demokratie, Sozialstaat und Menschenrechten in unserem Land. Beseitigung der Fluchtursachen durch Stopp von Waffenexporten und Beendigung von Kriegseinsätzen, durch ein Ende der Kumpanei mit Despoten, Warlords und Unterdrückerregimes, durch den Aufbau gerechter Handelsbeziehungen, durch den Stopp von Landgrabbing, Naturzerstörung und hemmungsloser Ausbeutung von Natur und Arbeitskräften.

Wenn wir unser Land und die Welt nicht ändern, werden wir sie bald nicht wiedererkennen!

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1. Mai 2017 Obermarkt / Eschwege

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Und hier die tolle Rede von Waltraud Eisenträger-Tomcuk für Bunt statt braun am 1. Mai 2017:

Sehr geehrte Anwesende,

ich begrüße Sie alle sehr herzlich!

Im Namen des „Bündnisses Bunt statt braun“ bedanke ich mich vielmals bei den DGB-Kreisvorsitzenden, Anja und Adam, dass sie auch an diesem 1. Mai wieder einen Redebeitrag von „Bunt statt braun“ möglich gemacht haben!

Das Bündnis „Bunt statt braun“ setzt sich nicht nur gegen rechtsextremistische Tendenzen und Aktivitäten ein, sondern für Völkerverständigung und für kulturelle Vielfalt. Wir leben diese auch, indem wir uns u. a. ehrenamtlich – mit vielen anderen Helferinnen und Helfern – für Geflüchtete engagieren und eine Integration erst möglich machen.

Wir hören zu, wenn Geflüchtete von ihren grauenhaften Erfahrungen berichten, wir trösten und fühlen mit, wir kümmern uns.

Immer wieder hören wir nette Worte von Politikern, die unsere Integrationsarbeit loben – die aber in ihren Amtsstuben die Asylgesetze so lange verschärfen, bis man sie nicht mehr wiedererkennt.

Ganz ehrlich: Man mag es nicht mehr hören!

Immer mehr behördliche Willkür ver- und behindert unsere Arbeit.

Statt uns bei unseren Integrationsbemühungen zu unterstützen, wird unter den Geflüchteten, aber auch in Teilen der Bevölkerung, ein Klima der Angst erzeugt. So machen die seit Dezember 2016 monatlichen Sammelabschiebungen von Afghanen Vieles von dem zunichte, was wir Ehrenamtliche, die Schulen, die Betriebe und Geflüchtete bereits geleistet haben.

Wir alle sind Teil einer einzigartigen Willkommenskultur in diesem Land und wir werden es nicht widerstandslos hinnehmen, dass aus dieser Willkommenskultur eine Abschiebekultur gemacht wird!

Heute stehe ich hier und appelliere an das Gewissen von Politikerinnen und Politikern, unterstützen Sie uns in dem Bemühen, unseren Schutz suchenden Freunden, Mitschülern, Nachbarn und Arbeitskollegen, umfassenden Schutz zu gewähren – nicht nur mit dem Stempel der Befristung oder Duldung, sondern in der Erkenntnis, dass diese Menschen unsere Gesellschaft bereichern und bei uns ein neues, ein friedliches Zuhause finden können und sollen!

Es sind rechte Kräfte am Werk, die eine ausländerfeindliche Stimmung schüren, von denen sich viele Politikerinnen und Politiker ganz offensichtlich treiben lassen.

Wie sonst ist es zu erklären, dass der Innenminister, Thomas de Maiziere, Sammelabschiebungen von Geflüchteten anordnet, diese Menschen inhaftieren lässt und sie damit kriminalisiert?

In Afghanistans Hauptstadt Kabul angekommen, werden „Rückkehrer“ nämlich als Kriminelle angesehen – und auch wie solche behandelt!

Abgeschoben werden Menschen, die zum Teil schon seit vielen Jahren hier leben und arbeiten! Sie sind Arbeitskollegen, sie sind integriert, sie sind unsere Freunde geworden! Sie werden von der Polizei vom Arbeitsplatz, aus Schulen und nachts aus ihren Wohnungen geholt und in den Abschiebeknast gezwungen:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar?“ Wenn schon der Artikel 1 unseres Grundgesetzes von der Staatsgewalt nicht mehr wörtlich genommen wird, wer schützt dann noch unsere Würde?

– Wie kann der Innenminister, und auch Sie, Herr Roth, von einem „in Teilen sicheres Herkunftsland“ sprechen, wenn das Auswärtige Amt dringende Reisewarnungen für ganz Afghanistan ausgibt? – Wie kann man von Sicherheit sprechen, wenn weite Teile der ländlichen Gebiete von terroristischen Organisationen – wie z.B. dem IS und den Taliban – beherrscht werden? – Wie kann man von Sicherheit sprechen, wenn fast täglich Bomben in zivilen Gebieten explodieren?

– Wie erklärt man den geflüchteten Afghanen, dass sie „behutsam“ und „verantwortungsvoll“ in ein Land deportiert werden, in dem allein im Jahr 2016 über 11.000 Tote und Verletzte zu beklagen sind und 1,5 Millionen Menschen als Binnenflüchtlinge unvorstellbarer Armut schutzlos ausgeliefert sind? – Und: Wie kann man Menschen die Schutzbedürftigkeit absprechen, die von dort fliehen?

Der unmenschliche Deal der europäischen Innenminister mit der korrupten afghanischen Elite, für 13 Milliarden Euro geflüchtete Menschen „zurückzuführen“, in ein Bürgerkriegsland, wo zusätzlich auch aus Deutschland gesteuerte Drohnen und Bomben ausländischer Kriegsbeteiligter für unvorstellbares Leid und Elend sorgen, das ist nicht nur in höchstem Maße brutal, das ist Menschenhandel!

Die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Bärbel Kofler, sagt dazu:

“ Nicht die Lage in Afghanistan hat sich verändert, sondern die innenpolitische Diskussion.“ Und Frau Kofler fordert: Diese dürfe aber nicht auf dem Rücken der Menschen ausgetragen werden, vielmehr seien neue Ansätze in der Integrationspolitik gefordert. Und weiter führt Bärbel Kofler aus: „ Die Sicherheitslage in Afghanistan mag von Region zu Region unterschiedlich sein, gut ist sie aber nirgendwo. Alle Abschiebungen sollten daher sofort gestoppt werden.“ Angesichts der Dauer des Konflikts hätten viele Afghanen ihren Platz in unserer Gesellschaft gefunden. Sie und die Deutschen, die sie unterstützten, könnten nicht verstehen, dass sie plötzlich aus ihrem Lebensumfeld gerissen werden.

Wohlgemerkt: Das sagt die Menschenrechtsbeauftragte der Regierung! Ist sie besser informiert als unser Innenminister, Herr de Maiziere, und alle, die seiner inhumanen Abschiebepraxis zustimmen und sie mit salbungsvollen Worten unterstützen?

Es gibt nur eine plausible Erklärung: Afghanen werden aus politischem Kalkül abgeschoben!

!-Vor dem Hintergrund der Bundestagswahl lassen sich die Regierungsparteien von der AfD treiben, sie übernehmen deren ausländerfeindliche Positionen, um ihr die Wählerstimmen der so genannten „besorgten Bürger“ abzujagen.

Ich – und mit mir unzählige Menschen in diesem Land – meine: Wer vor Krieg, Elend und Tod Schutz suchende Menschen nach Afghanistan und in Länder ohne Menschenrechte zurückzwingt, verstößt bewusst gegen die viel beschworenen Grundwerte der EU und gegen unser Grundgesetz!

Aber halt! Es wählen auch noch andere! Nämlich alle, die sich für und mit Geflüchteten engagieren! Die sich damit als Stütze einer offenen Gesellschaft erweisen, die sich für die Einhaltung von Menschenrechten, für soziale Gerechtigkeit, für das Recht auf Bildung und für kulturelle Vielfalt einsetzen.

Das sind WIR und WIR sind viele und WIR sind eins!

Liebe Schutzsuchende, wir stehen auf eurer Seite! Wir wissen von euren traumatischen Erfahrungen, von den Panikattacken, die euch den Schlaf rauben. Wir kennen eure furchtbare Angst, wenn ihr die Abschiebungsandrohung bekommt und verzweifelt nach Hilfe sucht.

Wir werden euch helfen, die Verfolgung in euren Herkunftsländern, eure Flucht und eure persönliche Situation öffentlich zu machen, genauso wie die aktuelle Situation in Afghanistan und die menschenunwürdige Behandlung der Kurden im Iran!

Wir werden weiterhin – wie es tausende Menschen in dieser Republik auch tun – Behörden, Presse, Kirchen, Vereine, Gewerkschaften, Prominente und Politiker vor Ort, in den Landtagen und im Bundestag bitten, für euren Schutz, für ein Bleiberecht und damit für eine Zukunftsperspektive in einem sicheren Land einzutreten!

Afghanistan ist nicht sicher – nirgendwo!

Es gibt für die 1,5 Millionen Binnenflüchtlinge und für die dorthin Deportierten keine Lebens- und für viele keine Überlebenschance!

Ich appelliere hier und jetzt namentlich an Herrn Roth, Staatsminister im Auswärtigen Amt, und alle politischen Funktionäre im Werra-Meißner-Kreis:

  • Setzen Sie sich für den sofortigen Stopp von Abschiebungen nach Afghanistan ein!
  • Setzen Sie sich für ein Bleiberecht ein!
  • Denken und handeln Sie mitmenschlich!

Schließen möchte ich mit den klugen Worten von Johann Wolfgang von Goethe:

Toleranz sollte nur eine vorübergehende Gesinnung sein;

sie muss zur Anerkennung führen.

Dulden heißt beleidigen.

Aktuelle Informationen über Afghanistan finden Sie am Stand von Bunt-statt-braun.

Ihnen und euch allen wünsche ich einen schönen 1. Mai-Tag!

Die evangelische Kirche im Kirchenkreis Eschwege zur Zeit des Nationalsozialismus und ihre Aufarbeitung heute

(Von Michael Krämer; MItglied im Koordinierungskreis Bunt statt braun im Werra-Meißner-Kreis)

 

Am 14.11.2016 wird Dekan Dr. Martin Arnold voraussichtlich im Hochzeitshaus in Eschwege (gegenüber der Volkshochschule) sein Buch „Der Kirchenkreis Eschwege und der Nationalsozialismus“ vorstellen. Zum Buch selbst: Siehe die Anmerkungen ganz am Ende dieses Beitrages.

 

Man darf gespannt sein, ob und in welchem Umfang Dr. Arnold in seinem Buch auf die deutsch-christlichen Pfarrer im Kirchenkreis Eschwege:

Uffelmann in Grebendorf,
– Herwig sen. in Niddawitzhausen
– Herwig jun. in Röhrda-Datterode
und
Eisenberg in Wanfried

sowie Pfarrer Rudolf Stelzner aus Eisenach eingehen wird.

Besonders Pfarrer Stelzner ist als Mitarbeiter des Eisenacher Entjudungsinstitutes eine mehr als schillernde Figur. Nach der Einberufung Pfarrer Eisenbergs aus Wanfried im Jahre 1941 zur Wehrmacht, betreute er die Deutschen Christen im Kirchenkreis Eschwege.

Siehe hier:

http://f3.webmart.de/f.cfm?id=2614366&r=threadview&t=4060261&pg=1

Von besonderem Interesse ist ferner die Rolle Rudolf Clermonts, Kirchenkreispfarrer und Pfarrer der Neustädter Kirche. Seine Rolle im Zusammenhang mit der Machtergreifung der NSDAP im Januar 1933 und danach und seine Auseinandersetzungen mit dem Kirchenvorstand der evangelischen Kirchengemeinde in Wanfried im Jahre 1935, die schließlich mit der Besetzung der Pfarrerstelle mit dem deutsch-christlichen Pfarrer Eisenberg endete, sind es wert, aufgearbeitet zu werden.

 

In diesem Zusammnhang ist die Rolle des späteren Wanfrieder F.D.P.-Bundestagsabgeordneten und Ehren-Geschäftsführers des Kreisbauernverbandes und damaligen NSDAP-Ortsgruppenleiters Fritz Walter von besonderem Interesse. Insoweit dürfte seine Beeinflussung der der NSDAP angehörenden Kirchenvorstandsmitglieder im Zusammenhang mit der Berufung des deutsch-christlichen Pfarrers Eisenberg in der Kirchenvorstandssitzung der evangelischen Kirche in Wanfried vom August 1935 von Interesse sein.

Auch die Rolle des Nachfolgers von Rudolf Clermont, Hermann Wepler, Kreispfarrer von 1937 bis 1949 wird zu untersuchen sein.

Und schließlich darf man gespannt sein, wie Dr. Arnold die Arisierung des Gebäudes literarisch behandeln wird, in dem heute die evangelische Familienbildungsstätte angesiedelt ist.

Dieses Gebäude „An den Anlagen 14a“ in Eschwege befand sich nämlich ursprünglich im Eigentum des jüdischen Sanitätsrates Moritz Stern. Das Gebäude wurde 1889 von Sanitätsrat Dr. Moritz Stern als Fachwerkbau im Gründerzeitstil erbaut. Bis zum Jahr 1911 betrieb der Erbauer in diesem Haus, in dem er mit seiner Familie auch wohnte, eine Arztpraxis, die im selben Jahr sein Sohn Dr. Carl Stern übernahm. Im März 1933 gab Dr. Carl Stern die Praxis auf. Auf Grund von Anfeindungen Eschweger Nationalsozialisten gegen jüdische Mitbürger waren für ihn ein geregelter Praxisbetrieb sowie ein normales Familienleben nicht mehr möglich. Zusammen mit seiner Familie verzog er nach Hamburg. Falsche Anschuldigungen aus Eschwege veranlassten ihn dort im Februar 1935 zum Freitod.
Im September 1937, also genau vor 79 Jahren, kaufte der Gesamtverband der Evangelischen Kirchengemeinden in Eschwege dieses Haus von den Nachfahren des Dr. Moritz Stern zu einem Preis von 30.000 Reichsmark. Dieser Kauf geschah im Zuge der vom Nationalsozialismus begünstigten Übernahme jüdischen Eigentums durch nicht-jüdische Personen oder Einrichtungen.

Siehe auch:

http://f3.webmart.de/f.cfm?id=2614366&r=threadview&t=3976793&pg=1

 

Bereits im Februar/März 2016 hat Dr. Arnold einen „Werkstattbericht“ über sein im November 2016 erscheinendes Buch über den Nationalsozialismus im Kirchenkreis Eschwege in Witzenhausen vorgestellt:

http://www.witzenhausen.eu/kalender/de/stadt/-/1667_2955/calendar_show_details

http://www.pressreader.com/germany/hna-witzenhaeuser-allgemeine/20160318/281809988011674

 

 

Auseinandersetzungen in der Kurhessisch-Waldeckschen Landeskirche und im Kirchenkreis Eschwege zwischen den verschiedenen Gruppierungen innerhalb der evangelischen Landeskirche und im Kirchenkreis Eschwege und mit der nationalsozialitischen Partei- und Staatsführung

Im Zusammenhang mit der Frage nach der Rolle der evangelischen Kirche im Kirchenkreis Eschwege und insbesondere bei der Beurteilung der Auseinandersetzungen des „Streites zwischen Kreuz und Hakenkreuz“ oder genauer formuliert, zwischen den Vertretern der „Einstweiligen Kirchenleitung“, der „Kommissarischen Kirchenleitung“ und der „Bekennenden Kirche“ und der nationalsozialistischen Partei- und Staatsführung kommt der Mitgliedschaft der einzelnen Pfarrer, in diesen jeweiligen Gruppen eine besondere Bedeutung zu.

Innerhalb der evangelischen Landeskirchen (Insgesamt 29 im Deutschen Reich) hatte es schon vor der Machtergreifung Adolf Hitlers Überlegungen gegeben, wie der lose Kirchenbund zu einer einheitlichen Reichskirche umgewandelt werden könnte. Als im Frühjahr 1933 eine Verfassung abgestimmt werden sollte, zeigte sich schnell, dass Hitler die Entwicklung zu einer evangelischen Reichskirche in seinem Sinne nutzen wollte. Bei Kirchenwahlen gelang es den Deutschen Christen durch seine direkte Einflussnahme, in sämtlichen Gremien der im Sommer 1933 gegründete Reichskirche eine überwältigende Mehrheit zu erhalten. Auch in der Landeskirche von Hessen-Kassel war man der Meinung, dass die kirchliche Struktur aus dem Jahre 1924 nicht mehr zeitgemäß war. Das kirchenleitenden Dreiergremium trat deshalb zurück, um einer neuen Kirchenleitung nicht im Wege zu sein. Zwischenzeit wurde eine vorläufige „Einstweilige Kirchenleitung“ einberufen, deren Vorsitz Theodor Dithmar übernahm, der zwischen 1915 und 1932 Pfarrer in Wilhelmshöhe (Kassel) gewesen war. Als sich der Kirchenkampf auch auf die inzwischen um Waldeck erweiterte Landeskirche ausbreitete, war Dithmar in den Konflikt mit der „Kommissarischen Kirchenleitung“ (Pfarrer Theys) direkt verwickelt, dessen dramatischen Höhepunkt die gewaltsame Besetzung der Räume des Landeskirchenamtes (Renthof 5 in Kassel)) durch die deutschchristlich orientierte „Kommissarische Kirchenleitung“ bildete. (Siehe dazu den nachfolgenden Beitrag in diesem Forum)

Theodor Dithmar war Vorsitzender der „Einstweiligen Kirchenleitung“ und Pfarrer Karl Theys wurde 1934 gegen geltendes Recht und gegen den Widerstand der Bekennenden Kirche zum Landesbischof gewählt. Er war Mitglied der „Kommissarischen Kirchenleitung“. Theys legte jedoch wegen des Widerstandes eines überwältigenden Teils der kurhessisch-waldeckischen Pfarrerschaft nach wenigen Wochen sein Amt als Landesbischof nieder.

Die „Kommissarische Kirchenleitung“ hatte die Amtsräume der evangelischen Landeskirche in Hessen Kassel, Renthof 5, in Kassel rechtswidrig besetzt und in Beschlag genommen. Auf Betreiben der „Einstweiligen Kirchenleitung“ wurde die „Kommissarische Kirchenleitung“ durch ein Urteil der II. Zivilkammer des Landgerichts Kassel vom 02.Februar 1935 (Az: 2 O 393/34) verurteilt, die Amtsräume zu räumen. Das Verhalten der „Kommissarischen Kirchenleitung“ wurde also eindeutig als rechtswidrig eingestuft.

 

Um die von der NSDAP gewünschte Vereinigung der beiden Landeskirchen in Kurhessen-Kassel und Waldeck zu erreichen, trat am 12. Juni 1934 in Kassel überstürzt der dortige Landeskirchentag zusammen, der mit einer Gegenstimme die Fusion der beiden Landeskirchen beschloss. Die Wahl eines Bischofs für die neue Landeskirche kam wegen der Weigerung der BK-Mitglieder in der Synode aber nicht zustande. Am 29. Juni trat abermals der Landeskirchentag zusammen. In einer irregulär abgehaltenen Sitzung unter Führung der DC wurde eine neue Kirchenleitung berufen, ein Mitglied wurde Happel. Der Kasseler Pfarrer Karl Theys wurde zum Bischof gewählt und die Landeskirche trat der Reichskirche bei. Das «Kirchengesetz über die Vereinigung von Waldeck mit der Evangelischen Landeskirche in Hessen-Kassel» wurde von Happel am 13. Juli 1934 erlassen. Schließlich wurde auch für die kurhessisch-waldeckische Landeskirche ein «Bevollmächtigter» eingesetzt, Dr. Johannes Ritter aus Hannover. Er entfernte die reguläre Kirchenleitung mit Polizeigewalt aus dem Landeskirchenamt im Kasseler Renthof und ernannte Happel zu dessen Leiter. Es gab zu dieser Zeit zwei Kirchenleitungen, die alte, regulär zustande gekommene, und die neue unter DC-Einfluss.
(Quelle: 75 Jahre evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck)

Von den 508 Pfarrern der Kurhessischen Landeskirche standen 435 Pfarrer (86,4 %) hinter der rechtmäßigen „Einsweiligen Kirchenleitung“ nur 73 Pfarrer (13,6 %) akzeptierten die „Kommissarische Kirchenleitung“ der „Deutschen Christen“.
(Quelle: Verantwortung für die Kirche: Herbst 1935 bis Frühjahr 1937; herausgegeben von Hannelore Braun, Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen 1993)

Die Zustände im Kirchenkreis Eschwege

 

Im Kirchenkreis Eschwege, der aus 30 Pfarrstellen bestand, akzeptierte die weitaus überwiegende Mehrheit der Pfarrer die rechtmäßige „Einstweilige Kirchenleitung“ und erkannte diese als einzig verbindliche Kirchenleitung an.

Die Pfarrer, die nur die „Kommissarische Kirchenleitung“ akzeptierten:

– Uffelmann, Gebendorf;
Eisenberg, zunächst Röhrda-Datterode, ab Nov. 1935 Wanfried;
– Herwig, Senior, Niddawitzhausen
– und Herwig, Junior
zunächst Niddawitzhausen (Vikariat) und
ab 1935 Röhrda – Datterode später Wechsel in die
von den „Deutschen Christen“ dominierte Landeskirche nach
Thüringen

Den „Deutschen Christen“ als Mitglieder gehörten an (Uffelman,
Eisenberg) beziehungsweise standen deren Denkrichtung nahe (Herwig sen. und Herwig jun.). Sie akzeptierten nur die „Kommissarische Kirchenleitung“ in Kassel.

Kreispfarrer Hermann Wepler, Nachfolger von Kreispfarrer Clermont (1937 bis 1949) gehörte in der Zeit von
Sept. 1933 bis zum 06.06.1934 ebenfalls den Deutschen Christen der Thüringer Richtung an und gründete am 09.06.1934 eine „Selbständige Gruppe Deutscher Christen in Kurhessen“.
Hermann Wepler ist eine schillernde Figur, dessen Einstellung zu den Nationalsozialisten und deren Verhältnis zur evangelischen Kirche, insbesondere deren Einmischung in innerkirchliche Angelegenheiten wurden von Wepler mehrfach harsch kritisiert; andererseits stand er der national-sozialistischen Ideologie ebenfalls sehr nahe. Dies änderte sich erst, als einer seiner Söhne gefallen war. Am 28.09.1943 wurde er wegen „Rundfunkverbrechens und Wehrkraftzersetzung“ zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt, weswegen er nach 1945 als Verfolgter des Naziregimes galt.

Nachdem Pfarrer Eisenberg 1941 zur Wehrmacht einberufen
wurde, betreute der aus der thüringischen Landeskirche
abgeordnete Pfarrer Rudolf Stelzner die ca. 250 Mitglieder umfassende Gruppe der Deutschen Christen im Kirchenkreis Eschwege.

Mitglieder der dritten Gruppierung im Kirchenkreis Eschwege,
der „Bekennenden Kirche“, waren:

– Pfarrer Eichhöfer; Reichensachsen / Langenhain
– Pfarrer Wittekindt; Schwebda
– Kreisjugendpfarrer Wintzer; Eschwege-Neustadt
– Pfarrer Lueken; Renda
– Pfarrer Reuber; Wichmannshausen
– Pfarrer Riemann; Schemmern
– Pfarrer Schwerdtfeger; Netra
– Pfarrer Walther; Niederhohne

Die „Bekennende Kirche“ verstand sich seit ihrer Gründung im Mai 1934 in Wuppertal-Barmen als einzige rechtmäßige evangelische Kirche im Deutschen Reich, indem sie den Nationalsozialismus und die Lehren der Deutschen Christen als unchristliche Irrlehren „verwarf“ (Barmer Theologische Erklärung 1934) und sich gegen staatliche und innerkirchliche Übergriffe auf das christliche Glaubensbekenntnis zur Wehr setzte. Sie schuf sich seit Oktober 1934 mit einem kirchlichen „Notrecht“ eigene Leitungs- und Verwaltungsstrukturen und grenzte ihre Organisation und Ausbildung damit von deutschchristlich geführten Landeskirchen ab (Kirchenkampf). Sie bildete aber keine einheitliche politische Opposition gegen das NS-Regime. Ihre Pfarrer blieben oft Bedienstete der jeweiligen Landeskirche (besonders in Württemberg, Bayern und Hannover).
 

 

Im Verlag Evangelischer Medienverband Kassel ist das nachfolgende Buch von Dekan Dr. Martin Arnold erschienen:

Der Kirchenkreis Eschwege und der Nationalsozialismus
Einverständnis und Konfliktlinie zwischen Kirche, NSDAP und Staat
Verlag Evangelischer Medienverband Kassel, 2016
ISBN 978-3-89477-890-3
Preis: 15,00 €

Das Buch ist über den o.a. Verband beziehbar; E-mail: emv@ekkw.de

Dr. Arnold gibt in seinem 92 Seiten umfassenden Buch einen kurzen Überblick über

– Politische und kirchliche Strukturen in der Region
– Politische und theologische Positionen
– Typische Konfliktlinie
– Blinde Flecken der Kirche
– Phasen des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche

in der Zeit des Nationalsozialismus im Kirchenkreis Eschwege.

Er benennt die wichtigen Akteure und deren Standpunkte und Überzeugungen innerhalb der evangelischen Kirche im Kirchenkreis Eschwege.

Wie ich finde, ein wirklich guter Überblick über die damaligen Verhältnisse im Kirchenkreis.

Was meines Erachtens fehlt sind längere Originaltexte, wie z.B. Ansprachen oder Predigten der damals im Kirchenkreis tätigen Pfarrer der unterschiedlichen Richtungen innerhalb der Pfarrerschaft, die z.B. Anhänger der „Deutschen Christen“ bzw der „Kommissarischen Kirchenleitung“, der „Einstweiligen Kirchenleitung“ oder der „Bekennenden Kirche“ waren.

Auch eine etwas breitere Darstellung der Vorstellungen und der Intentionen der Deutschen Christen aus dem benachbarten Thüringen und der Aufgabe des Entjudungsinstitutes im benachbarten Eisenach, wäre aus meiner Sicht hilfreich gewesen.
Immerhin gehörte neben Pfarer Uffelmann aus Grebendorf und Pfarrer Eisenberg aus Wanfried auch der Kreispfarrer Hermann Wepler zeitweilig dieser Denkrichtung innerhalb der evangelischen Kirche an. Außerdem war Wepler ein Anhänger des glühenden Antisemiten Adolf Stöcker, des Hofpredigers Wilhelms II.

Leider fehlt ein Kapitel über die Arisierung im Jahre 1937 des ehemaligen Ärztehauses des Dr. Stern, An den Anlagen 14a in Eschwege, heute evangelische Familienbildungsstätte, vergl: http://www.stolpersteine-hamburg.de/?&MAIN_ID=7&BIO_ID=762

Dennoch ein wirklich lesenswertes wichtiges Buch über die evangelische Kirche und seine Pfarrer in der Zeit des Nationalsozialismus im Kirchenkreis Eschwege.

 

 

Michael Krämer